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Lecker "Music", selbst gekocht vor Ort
Rap und Ramadan

 
JAMLINER - eine andere Realität

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Lecker "Music", selbst gekocht vor Ort

Ein Bericht aus dem jamliner
von Jörg-Martin Wagner

„Kultur ist kein Luxus, sondern ein Lebensmittel!" Mit dieser Überzeugung und einem kühnen Plan im Gepäck begannen Thomas Himmel und Jörg-Martin Wagner im Sommer 2000 ihre Arbeit im jamliner, dem Musikbus der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg.

Sie wollten Hamburger Jugendliche, die sich nie auf den Weg zu einer Musikschule machen würden, dort abholen, wo sie sind: auf der Straße. Und anstatt sie erst mühsam zu „musikalisieren" sollte von Anfang an kreativ mit ihnen Musik erfunden werden. Also weg mit der Pfadfindergitarre und nachge-spielten Songs aus der „Liederkiste" und her mit lauten Beats und eigenen, frischen Ideen!

In dem vierzehn Tonnen schweren Proberaum mit angeschlossenem Tonstudio, der seither für einen Tag die Woche in ihrem Viertel parkt, können Jugendliche lernen, als Band zusammen zu grooven und ihre eigenen Texte dazu zu erfinden. Die selbst kreierten Songs werden selbst eingespielt, abge-mischt und am Ende steht immer ein Produkt: die eigene CD!

Dabei prallen Welten aufeinander und – fügen sich zu Bands zusammen. Jeder findet seine Rolle im Ganzen und hat am Ende dazu beigetragen, den gemeinsamen Song zum Klingen zu bringen. Und der ist meist radiotauglich und von bestechender Authentizität.

BÖSSE MEDCHEN
Fila oder Nike
Scheißegal
Hauptsache, du bist innen klar
Die Klamotten allein
Können garnix
Das is doch klar, Miss
Das ist eben so
Wie's immer war, Miss
Trag' nich was cool is
trag' was warm is
Spieglein, Spieglein an der Wand
Wer ist die Klügste hier im Land
Ich frag euch laut
Wer ist in oder out
Wer am besten tanzt?
Oder wer am besten klaut?
Ist doch Scheißegal
Hauptsache Du bist innen klar
Das ist eben so
wie es immer war

MAFIA
Das ist die Show, jaja
Die geilste Show der Welt

Wir sehn gut aus, jaja
Wie Gangster mit viel Geld
Wir tanzen so, jaja
Weil uns das gefällt –
Wir sind die MAFIA
MAFIA …

Anders als der Instrumentalunterricht an der Jugendmusikschule ist die Teilnahme an der Arbeit im jamliner für die Jugendlichen kostenlos. Der größte Teil der Finanzierung erfolgt über den Musik-SchulVerein, der sich jedoch dringend um weitere Förderer bemüht. So stellt sich bei der „musikali-schen Straßenkunst" immer wieder aufs Neue die Frage: Wer soll oder will das bezahlen?

Zuerst fuhr der jamliner deshalb nur an zwei Tagen die Woche: montags auf die Veddel, dienstags nach St. Pauli. Die anderen Tage blieb der Ex-HVV-Bus mangels Geld an seinem angestammten Platz auf dem Betriebshof stehen. Nach über einem Jahr kommen jetzt endlich zwei neue Einsatzorte dazu:

Seit Februar 2002 übernehmen das Hamburger Spendenparlament und der Verein NestWerk e. V. die Kosten für einen Standort mittwochs in Kirchdorf-Süd. Ab April finanzieren die Rotary Clubs Steintor und Deichtor den jamliner-Einsatz donnerstags in Steilshoop.

Auch dort formieren sich nun vormittags Schüler aus den benachbarten Schulen und nachmittags freie Gruppen von Jugendlichen zu Bands. Mit abenteuerlichen Namen und mit der Hilfe von Profis kochen sie Süppchen ihres eigenen Sounds.

In der Abgeschiedenheit hinter blick- und schallisolierten Buswänden wird von jedem Einzelnen viel verlangt: Das Ziel, der eigene Song, ist nicht zu erreichen, ohne dass jeder über seinen Schatten springt, Dinge tut, von denen er fest überzeugt war, sie nie zu schaffen:

R. hört nach endlosen Ausflüchten in seine Rolle als „Klassenkasper" für zwei Minuten auf, lustig zu sein und schafft es so zum ersten Mal, mit den anderen im gemeinsamen Groove zu bleiben. Alle sind froh darüber, weil für einen Moment die Musik erklingt wie sie sein sollte. L. strengt sich mächtig an, um die Reime ihres Raps in der ihr noch fremden deutschen Sprache verständlich rüber zu bringen. Wort für Wort wird einzeln geübt, bis es nicht mehr angestrengt klingt.

Und immer läuft bei diesen kurzzeitigen Höchstleistungen das professionell ausgestattete Aufnahme-studio mit. So gehen sie nicht verloren, sondern setzen als bleibende Ergebnisse neue Maßstäbe. Die Klassenkameraden, die solange draußen bleiben müssen fragen erstaunt: „Spricht L. da drin? In der Klasse sagt sie nie ein Wort." Die Musiker sagen: „Von wegen sprechen, sie rappt!" So gesehen ist jeder selbst errungene Song ein kleines Kunstwerk für sich, das als selbst erzeugtes Lebensmittel auf CD den Bus verläßt, um Teil der kulturellen Nahrungskette zu werden, das merken Thomas Himmel und Jörg-Martin Wagner, wenn plötzlich alle anderen aus dem Viertel den Refrain mitsingen können.
 

 
Rap und Ramadan

Knapp 3 Jahre Musikalische Straßenkunst in Veddel sind zu Ende. Ein Rückblick

Der JAMLINER, das „rollende Klassenzimmer“ der Jugendmusikschule, fährt seit Sommer 2000 an festen Wochentagen in je einen sozialen Brennpunkt Hamburgs. Doch da die JAMLINER-Woche für ganz Hamburg zu wenig Tage hat, fand, ganz nach dem Prinzip der Mobilität, im Februar 2003 der erste Standortwechsel statt. Nun geht es Montags weit in den Nordwesten zum Osdorfer Born – und nicht mehr über die Elbbrücken nach Veddel. Dort muss man in Zukunft ohne den festen „JAMLINER-Tag“ auskommen. Allerdings kommt der Musikbus weiterhin einmal die Woche ins nahe Wilhelmsburg.

In fast drei Jahren JAMLINER-Arbeit auf der Veddel lernten mein Kollege Thomas Himmel und ich den Stadtteil, den der Volksmund „Klein Istambul“ nennt, besser kennen als mancher Anwohner. Immer wieder staunten wir dabei über die dörfliche Vermischung internationaler Gegensätze in dem von Elbarmen, der Autobahn und dem Freihafen vom Rest der Welt abgegrenzten Areal, in dessen Mitte die Schule Slomanstieg mit ihrem großem „Turnvater-Jahn“-Sportplatz das Bild beherrscht.

Die Umbauarbeiten vom Stadtbus zum Musikmobil dauerten noch an, als Thomas und ich im Mai 2000 im „Eutonieraum“ unter dem Dach dieser Schule die ersten Bandworkshops gaben. Schon aus akustischen Gründen waren wir bald allgemein bekannt! Jede Woche schleppten wir Instrumente durchs Treppenhaus. Immer wieder erschien dabei plötzlich irgendwoher der schwarze Kopf eines kleinen Mädchens, das uns inbrünstig die Zunge raus streckte - und wieder verschwand... allmählich stiegen wir auf das Ritual ein und zeigten ebenfalls eine Fratze... Bis zum Sommer wurden die ersten selbst gerappten Songs fertig, 32 Mädchen und Jungs mit Namen von Anil bis Zemrije führten sie in einem kleinen Konzert einander vor. Am schwersten fiel ihnen, bei den Songs der andern zuzuhören – und nicht mitzuspielen...

Nach arbeitsreichen Sommerferien war dann endlich der JAMLINER fertig. Wir hielten Einzug auf der Veddel und wurden förmlich überrannt. Manchmal war der Bus so voll, dass er zu platzen schien. Die Intimität der kleinen Räume konzentrierte die Arbeit und gab ihr eine neue Dimension: Die Nähe – auch auf seelischer und gedanklicher Ebene. Persönliche, kulturelle und religiöse Standpunkte wurden offenbart. Der junge Sikh, den die Kameraden wegen seines Turbans „schwarze Lampe“ nannten, äußerte seinen Stolz, der erste gewesen zu sein, der sich auf der Veddel so auf die Straße gewagt hat: „Jetzt machen das alle Sikhs hier – weil ich das angefangen habe!“ türkische Mädchen klärten uns über Parallelen zwischen Bibel und Koran auf: “Adam und Eva haben wir auch!“ und fragten uns, wieso wir Väter sind – aber nicht verheiratet... und immer Ende des Jahres waren die meisten Jungs eine Zeit lang so außer Rand und Band, dass man kaum mit ihnen arbeiten konnte. Der Grund: es war Ramadan und sie hatten den ganzen Tag nichts gegessen...

Die Vielzahl der kulturellen Unterschiede auf der Veddel wird multipliziert durch die jugendlichen Posen: Nachwuchsmachos oder nette Jungs von nebenan, kichernde Mädelchen oder gestylte Bräute, alle Muster sind in allen Nationalitäten und Glaubensrichtungen vertreten. Und manch einer ist nicht, was er auf den ersten Blick scheint: Kai, blond, Deutscher von nebenan, ist Moslem – seit seine Mutter einen türkischen Mann hat und „Martin“, der die spanischen Zoten seiner südamerikanischen Freunde fließend beherrscht, heißt eigentlich Yussuf und wurde in der Türkei geboren... Bloß schade, dass es noch keine Kopftücher von Nike oder Puma gibt!

Über alle Verschiedenheiten hinweg verband sie ein gemeinsames Interesse, denn auf der Veddel wollten alle Jugendlichen nur das eine: „rappen!“ Aber ob reimberüsteter MC oder fröhlich krähende Kinderband, jede Formation stieß im JAMLINER auf das selbe Gesetz: dass im Bus die Leistung als Gruppe unendlich effektiver ist als jede unkoordinierte Einzelleistung. So ging manches Talent enttäuscht seiner Wege, feierten Außenseiter rauschende Erfolge. Alles in allem sind neben der Kaimauer am Veddeler Zollhafen Stunden Musik entstanden, und jeder einzelne Song hat seine Geschichte, die davon handelt, wie die Band sich zusammenfand, wie die Rollen verteilt wurden, wo die Idee zum Text her kam und wer am Ende welchen Track eingespielt hat.

Weil der JAMLINER zunächst Mittwochs auf die Veddel kam, erlebten wir ausgerechnet dort den 12. September 2001, den „Tag danach“. In einer Band, deren Wortführer ein deutschrussischer – streng christlich erzogener – und ein türkischer – moslemischer – Junge waren, wurde Krisensitzung gehalten: wenn es Krieg gibt zwischen Moslems und Christen, was machen wir dann mit der Band? „Meine Mutter sagt, ich darf dann nicht mehr aus dem Haus. Nicht mal mehr zur Schule“ sagte der
türkische Junge. Vor dem explosiven Hintergrund der kleinen Elbinsel waren das - bei Gott - keine leeren Worte! Wir versprachen uns feierlich in die Hand, weiter Musik zusammen zu machen, komme was da wolle!

In fast drei Jahren auf der Veddel trafen wir bei Rundgängen im Viertel oder in unserer Mittagspause immer mehr bekannte Gesichter. Anfangs blitzte die rote Zunge aus dem schwarzen Mädchengesicht noch das ein- oder andere Mal von der andern Straßenseite. Das letzte Mal schnitt ich – vorschnell – die übliche Fratze. Aus dem schwarzen Gesicht kam nur noch das peinlich berührte Lächeln einer angehenden Schönheit... Adieu Veddel! Nichts bleibt wie es ist!

Jörg-Martin Wagner Februar 2003