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NDR 90,3 Erschienen am: 15.04.2006

Der Fall Yesim
Die politische Wochenkolumne
Der Fall der 13-jährigen Türkin Yesim sorgt für Aufsehen. Die Behörden wollten die Schülerin aus Altona zusammen mit ihrer Mutter in die Türkei abschieben. Damit wird die Diskussion über die Integration von Ausländern angeheizt, weil das Mädchen als Paradebeispiel für gelungene Integration gilt.
NDR 90,3 Politikredakteurin Anette Reiners kommentiert das politische Geschehen:
Sie ist 13 Jahre alt, Klassensprecherin, eine beliebte und erfolgreiche Schülerin und hat vor wenigen Tagen als Sängerin einer Schülerband den Peter-von-Zahn-Gedächtnispreis bekommen.
Seit dieser Fall öffentlich für Schlagzeilen sorgt, arbeiten Hamburgs Senat und Behörden jetzt an einer Lösung, um die junge Türkin nicht abzuschieben. Die rechtliche Situation ist eindeutig: Ihre Mutter reiste vor Jahren mit ihr als Baby illegal nach Deutschland ein und deshalb haben beide keine Papiere. Warum nun gerade für Yesim Gnade vor Recht ergehen soll, liegt auf der Hand: Sie ist ein perfektes Beispiel für gelungene Integration, und dieses Thema hat zur Zeit Hochkonjunktur.
40 Jahre nach der Ankunft der ersten Gastarbeiterfamilien sind viele Ausländer noch immer nicht wirklich hier angekommen. Jetzt ist das ehemals belächelte Spartenthema zur Chefsache geworden. Auch in Hamburg. Bürgermeister Ole von Beust hat mit der Wirtschaft vereinbart, in den nächsten zwei Jahren 1.000 neue Jobs für junge Zuwanderer zu schaffen. Ein Schritt in die richtige Richtung, aber weit entfernt von einem Lösungsansatz. Für echtes Miteinander muss endlich das Fremdwort Integration mit Leben gefüllt werden.
In Kindergärten und Schulen beispielsweise. Der Besuch von Kindergärten ohne Beitragszahlung wäre ein Weg oder die Ganztagsschule, in der benachteiligte ausländische Kinder gefördert werden. Doch das kostet richtig Geld und deshalb schreckt die Politik davor zurück. So bleiben zwar schöne Einzellösungen für die, die sich besonders anstrengen und integrieren. Siehe unser Beispiel von der jungen Yesim. Das Thema Ausländerpolitik ist dann aber weiterhin nicht mehr als Wahlkampfpolitik, bei der man nicht mit Ausländern, sondern über Ausländer redet.
Autor: Anette Reiners
Stand: 15.04.2006 09:00


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